Einmal Inspiration, bitte!

Vielleicht ist dem ein oder anderen aufgefallen, dass dieser Blogpost ein wenig länger auf sich hat warten lassen als die vorigen. Das hatte mehrere Gründe. Zum einen lag es daran, dass ich diesmal mehrere Themen im Kopf hatte, über die ich gerne schreiben wollte, sodass es mir schwer fiel, mich zu entscheiden. Zum anderen hatte ich jede Menge Bruchstücke von Ideen, die sich nicht recht zusammensetzen ließen oder irgendwie im Nichts endeten. Womit wir auch schon beim Thema wären: Wie funktioniert Inspiration? Wie benutzt man Kreativität? 
 
Während der Vorbereitung zu diesem Blogpost stieß ich auf folgende Zitate:
 
"Die Inspiration ist ein solcher Besucher, der nicht immer bei der ersten Einladung erscheint." - Pjotr Iljitsch Tschaikowski
 
"Kreativität ist Intelligenz, die Spaß hat." - Albert Einstein
 
Letzteres ist eines meiner Lieblingszitate und zu dem ersten kann ich sagen, dass wohl alle Kreativen schon einmal in der Position waren, dies unterschreiben zu können.
 
Um in diesem Zusammenhang den negativen Aspekt der Inspiration direkt zu Beginn zu besprechen: Es gibt dafür keine Garantie, keine Deadline. Inspiration lebt und fließt und sie kann kommen und gehen wie es ihr passt. Wie alles im Leben, funktioniert auch die Inspiration am allerbesten, wenn man sich nicht unter Druck setzt, sondern den Dingen ihren Lauf lässt.   
 
Die meiste Inspiration für meine Blogposts ziehe ich aus Gesprächen mit meinen Mitmenschen und da fiel mir irgendwann auf, dass "Wie bekommst du die Ideen für deine Choreografien?" eine der am häufigsten gestellten Fragen ist.
Ich begann also, bewusster zu beobachten, was da genau in welcher Reihenfolge und wie überhaupt im Entstehungsprozess einer neuen Choreografie passiert. Nicht zuletzt mit dem Hintergedanken, dass es doch toll wäre, wenn ich mich sozusagen selbst durchschauen und dann diese Bauanleitung oder dieses Rezept systematisch bei jeder neuen Choreografie anwenden könnte. Tja, was soll ich sagen?! Genau SO funktioniert es eben nicht. Das wäre meiner Meinung nach auch das Gegenteil von Kreativität. Höchstwahrscheinlich wäre es dann eher so etwas wie Mathematik und da muss ich ehrlicherweise gestehen, hätte ich gnadenlos den Beruf verfehlt.
 
Die Antwort ist: Es gibt keine Formel dafür, wie ich die erste Bewegung beginne. Es gibt kein Schema, keine Regel. Und das kann im Entstehungsprozess gleichermaßen großartig und schrecklich sein. Wie es meinem optimistischen Naturell entspricht, entscheide ich mich für "großartig". Und ich meine es so! Gibt es etwas Besseres, als dass man die eigene Arbeit und den Weg dorthin immer wieder neu entdecken und ausprobieren darf? Für mich definitiv nicht.
 
Oftmals beginnt alles mit nur einem kleinen Impuls, einer Handbewegung, einem Arm. Und von da fließt es dann weiter. Wenn es gut läuft. Wenn es nicht gut läuft, kann es dauern. Lange. Und nichts fühlt sich dann richtig an. Damit wären wir bei dem nächsten entscheidenden Punkt: Wie es sich anfühlt.
 
Scheinbar gibt es eine Besonderheit in meiner Art zu choreografieren, der ich mir lange Zeit nicht einmal bewusst war, bis ich vor ein paar Jahren ein Interview über meine Arbeit gab, in dem ich erzählte, dass ich immer ohne Spiegel choreografiere. Verwundert über die Verwunderung meines Gesprächspartners, stellte ich schließlich zum ersten Mal bewusst fest, dass mir in der Entstehung einer Choreografie wichtiger ist, wie sie sich anfühlt als wie sie aussieht. Wie gerne würde ich behaupten, dass diese Art zu choreografieren ganz bewusst von mir gewählt sei und ich nichts ins Bewegungsmaterial einfließen lassen würde, was rein oberflächlich einfach nur schön anzuschauen sei... Aber tatsächlich ist es einfach meine ganz intuitive Herangehensweise an die Arbeit. Ich muss eine neue Choreografie zuerst fühlen, bevor ich sie mir anschauen möchte.
 
Eine der wichtigsten Inspirationsquellen für eine neue Choreografie ist sicherlich die Musik. Es gibt Songs, die choreografieren sich für mich fast alleine. Und ja, es klingt abgedroschen, aber Musik ist einfach alles! Und ich bin davon überzeugt, dass diesen Punkt bestimmt auch diejenigen von euch nachempfinden können, die sich selbst nicht unbedingt als kreativ oder künstlerisch begabt bezeichnen würden. Aber Musik weckt in jedem von uns Gefühle. Sie hat die Fähigkeit, uns glücklich zu machen, zum Weinen zu bringen, Erinnerungen zu wecken, uns zu entspannen oder aggressiv zu machen.
 
Ein befreundeter Musiker und Komponist sagte mal zu mir: "Wenn das Leben am schlechtesten läuft, klappt die Musik am besten." Ein Phänomen, welches ich zum Glück bei mir nie feststellen konnte und mich direkt an eine Professorin meiner Hochschule erinnert, die einmal sagte:"Martha Graham used to say - You're only an artist when you suffer. - But that's bullshit!" Noch mehr hätte mir meine wunderbare Professorin kaum aus dem Herzen sprechen können. Das Tolle an der Kunst ist doch, dass sie sich am breiten Spektrum der Gefühlswelt bedienen darf. Und egal, was es ist, das wir fühlen und uns inspiriert; es gibt uns eine Geschichte, die nur darauf wartet, von uns erzählt zu werden.
 
Und damit wären wir beim letzten und vielleicht gleichzeitig wichtigsten Punkt: Mut! Ohne Mut könnte uns ein Anflug von Inspiration mit dem Laster überfahren, ohne dass wir den Impuls ergreifen würden. Kreativität braucht Mut. Nichts ist so beängstigend wie der Schritt, andere Menschen an seinen Gefühlen und Gedanken teilhaben zu lassen. Aber wenn man sich dann traut und das Risiko eingeht, dass das, was man zum Ausdruck bringt, nicht unbedingt jedem gefallen könnte und dass man auf Meinungen stoßen könnte, die verletzen... Genau dann ist man an dem Punkt, an dem man in sich das Vertrauen und die Sicherheit findet, den Schritt zu gehen und sein Innerstes nach außen zu kehren. Echt und authentisch. 
 
In diesem Sinne: "Einmal Inspiration, bitte!"