Tanz doch mal was!

Wer kennt es nicht aus der Kindheit? "Sing der Oma mal was vor!", "Mal uns mal ein Bild!" oder eben auch "Tanz doch mal was!". Alles halb so wild, da sich das Ganze mit wachsendem Alter und somit schwindendem Niedlichkeitsfaktor sehr früh im Leben wieder erledigt haben sollte. Nicht aber, wenn man einen künstlerischen Beruf gewählt hat.
 
Ich hatte bislang ehrlich gesagt nicht einmal besonders viel über diese lästige Begleiterscheinung meines Berufs nachgedacht, sondern sie als Gegebenheit hingenommen, bis mein bester Freund kürzlich zu mir meinte: "Sag mal, sollst du eigentlich auch ständig allen etwas vortanzen?" Als wir das Gespräch daraufhin vertieften, stellten wir fest, dass wir gleichermaßen regelmäßig zu kleinen spontanen Showeinlagen aufgefordert werden. Er, da er professioneller Sänger ist, gesanglich - und ich eben tänzerisch. Egal, in welcher Runde und zu welchem Anlass, sobald man sich in der Gesellschaft anderer Berufsgruppen befindet, wird man mitunter sehr hartnäckig und vehement dazu aufgefordert, eine kurze Demonstration seines Könnens zu liefern. Natürlich nehme ich das Ganze humorvoll, doch aufgrund der häufigen Wiederkehr der Situation lässt mich seit unserem Gespräch der Gedanke nicht los.
 
Wie kann es sein, dass unser Beruf nicht als solcher angesehen wird, sondern stattdessen als lustiges kleines Special, das man beliebig einfordern und konsumieren kann? Wie wäre die Reaktion, wenn ich bei der nächsten Geburtstagsparty einer alten Schulfreundin einen anwesenden Frisör, den ich fünf Minuten zuvor kennengelernt hätte, bitten würde: "Schneid mir doch mal kurz die Spitzen nach!" ? Höchstwahrscheinlich würde er mir vorschlagen, einen Termin zu vereinbaren.
 
Unser Gespräch über dieses Thema nahm nach kurzer Zeit einen leicht albernen Verlauf, als wir uns verschiedene Szenarien ausmalten, wie wir beim nächsten Mal anstatt des üblichen, peinlich berührten "Ach, nö" reagieren könnten. Mein Highlight dabei war, dass ich mich überaus dramatisch und in waschechter Tanztheater-Manier hingebungsvoll und in höchstem Maße inbrünstig über den Boden wälzen könnte, um dann im Anschluss an meine kleine "Performance" die erwartungsgemäß geschockten Zuschauer darüber aufzuklären, dass ich soeben meinen Überlebenskampf als freiberufliche Künstlerin in der Gesellschaft vertanzt hatte, mit der Gewissheit, dass ich in derselben Runde nie wieder dazu aufgefordert werden würde etwas zu tanzen, was somit also tatsächlich eine Maßnahme wäre, die es sich zu überlegen lohnt. 
 
Aber ernsthaft, ich glaube, dass ich im Namen meiner allermeisten Kollegen sprechen kann wenn ich sage, dass wir private Momente, in denen wir uns eben nicht in Ausübung unseres Berufs befinden, wirklich gerne einfach nur wie jeder andere erleben möchten. Und natürlich liebe ich meinen Beruf und freue mich, wenn sich Menschen für das was ich tue interessieren. Aber mehr als alles andere weiß ich es zu schätzen, einfach Dani zu sein und als der Mensch wahrgenommen zu werden, der ich bin und nicht darauf reduziert zu werden, was ich beruflich mache. 
 
Habt ihr übrigens eine Idee, welcher andere unliebsame Satz nach "Tanz doch mal was!" mein ständiger Begleiter ist?
 
"Mach mal Spagat!"   
 
 
 
Inspiriert von Markus Alexander Neisser